Okay, zugegebenermassen, die Probeklausur in Älterer Deutscher Literatur bereitete nicht besonders Freude. Wie war das noch gleich mit dem Physiologus, den Lucidarius-Prologen und der Rhetorik im Mittelalter? Ach, hätte ich während der Zugfahrt doch die Unterlagen nochmals durchgeblättert, anstatt mich meinem Schlaftrieb hinzugeben. Aber die Versuchung war nun mal gross, und was mich bei dem Test erwarten würde, wusste ich auch nicht schon im Voraus. Ein gutes Gefühl hinterliess nur die Übersetzung eines kurzen Textes – doch auch schon die Analyse hatte es in sich. Mein Gedächtnis wollte einfach nicht auf Touren kommen. Und während ich noch versuchte, eine Handschrift zu transkribieren (dieser mittelalterliche Autor hatte wirklich eine Sauklaue!), da passierte es…
Ausgerechnet ER musste das tun. Er, der so gut über die Heilige Agnes Bescheid wusste und uns bei einem Kurzreferat davon überzeugte, dass er sehr gut vorbereitet war und sogar seine Notizen vorzüglich vorlesen konnte. Wer will schon so etwas wie eine freie Rede – es ist doch alles nur eine Frage der Vorbereitung! Was wo nachgeschlagen werden kann – darüber wusste er wirklich Bescheid! Bestimmt bereiteten ihm auch weder Lucidarius noch die Forscherin, deren Artikel man in dieser Probeklausur zusammenfassend wiedergeben soll, Kopfschmerzen. Bestimmt konnte er alle Fragen aus dem FF (sprich Effeff) beantworten. Oder doch nicht?
Wie könnte ich seine Kenntnisse auch nur anzweifeln – wenn er nicht selbst ein solches (meine Dozentin bezeichnete es als pubertäres) Verhalten an den Tag legen würde? Die Stille der Konzentration wurde durch ein lautes Geräusch gestört. Ein Blick auf die Uhr – es war doch erst Halbzeit! Was konnte das sein? Erst die Reaktion der Dozentin machte die Situation klarer: “Das kann man auch leise hinlegen”. Kann das wirklich sein? Hat er es wirklich gewagt, der Dozentin (Achtung: Autoritätsperson!) seine Unterlagen hinzuwerfen? Ja, er hat!
Wir alle staunten nicht schlecht. Zwar stellte unser werter Kollege schon immer eine etwas skurrile Person dar – aber immerhin sind wir an der Universität und nicht mehr in der Primarschule. Wir tauschten vielbedeutende Blicke und wollten uns schon wieder in die Arbeit stürzen (wir konnten den lieben Zeitgenossen ja nicht einfach kopieren und auf dieselbe Weise auf unser eigenes Unwissen reagieren). Da passierte etwas noch viel Unglaublicheres.
Wer sich im Begegnungsraum oder in den Gängen des Deutschen Seminars aufhielt – dem blieb das Ganze bestimmt nicht verborgen. Unser notorischer Schweiger (zumindest wenn es um zwischenmenschliche Kontakte geht) hat einen Lärmpegel überschritten, der auf dieser Stufe keinesfalls toleriert werden kann: Er hinterliess den Raum mit einem temperamentvollen (wenn man bei ihm von Temperament sprechen kann) Zuknallen der Türe. Nach einer kurzen Schrecksekunde (wir sagten “Hallo?” im Chor) konnten wir nur noch lachen – unsere Konzentration wurde arg gestört, doch der Spass, den wir dabei hatten, machte die verlorene Zeit wett.
Was wohl in ihn gefahren ist? Ich werde dem bestimmt weiter nachgehen

Der Lucidarius-Prolog – durch ihn entsteht nicht nur zwischen Forschern Zwietracht!
Am 18. Januar 2007 um 13:29 Uhr
[...] Heute haben wir die Probeklausur in Mediävistik zurückerhalten. Gwundrig beobachtete ich unsern Schletzer. Ich fragte mich, ob wohl noch ein Gespräch zwischen ihm und der Dozentin gegeben hat, denn keiner sprach mehr darüber. [...]
Am 7. Februar 2007 um 18:13 Uhr
[...] Und wenn ich irgendwann das Gefühl habe, dass ich wirklich absolut rein gar nichts gelernt habe oder dass ich längste wieder alles vergessen habe, so wird mir eines bestimmt bleiben: In jedem Semester entstehen neue Freundschaften. Zum Teil nur oberflächliche Bekanntschaften, doch bei einigen stimmt die Chemie dermassen, dass man wirklich von einer Freundschaft sprechen kann. Es sind Leidensgenossen, und wie eine Dozentin vor kurzem sagte (wegen dem asozialen Schweiger): Man kann nie wissen, ob man nicht eines Tages auf die ehemaligen Leidensgenossen angewiesen sein wird. So sind sie nicht nur Mitleidende, mit denen man über andere lästern kann, sie sind auch gute Gegenleser, Kritiker, Korrigierer und sorgen immer wieder für Unterhaltung. Hin und wieder glaubt man auch, sich an manchen Personen satt gesehen zu haben, und so kann man sich am Ende eines Semesters damit trösten, dass man mindestens für die nächsten paar Wochen getrennte Wege gehen kann… [...]