Gewohnheitstiere

Fürs Prosemi in Neuerer Deutscher Literatur mussten wir einen Text von Klaus-Michael Bogdal lesen. Besonders ins Auge gestochen ist mir eine zitierte Textstelle aus Loriots “Szenen einer Ehe in Wort und Schrift”:

Dabei geht es um ein Ehepaar, das den Blick auch von einem kaputten Fernsehgerät nicht wenden kann:

“Ein Ehepaar sitzt vor dem Fernsehgerät. Obwohl die Bildröhre ausgefallen ist und die Mattscheibe dunkel bleibt, starrt das Ehepaar zur gewohnten Stunde in die gewohnte Richtung.” (Loriot 1989, 35)

Autsch! Willkommen im Eheleben, oder was? Überwältigend ist die Vorstellung, dass das (wohl schon ältere?) Ehepaar nicht in der Lage ist, selbst dann aus dem Gewohnten zu brechen, wenn nicht mal die Gewohnheit selbst mehr funktionsfähig zu sein scheint. Stellt euch vor, ihr sitzt abends von ab 19.30 Uhr während der nächsten zwanzig Minuten dort, start die dunkle Mattscheibe an und wisst nichts anderes mit der Zeit anzufangen. Was für einen Sinn hat das Leben noch??

Doch es wird noch schlimmer, denn dem Ehepaar scheint jede Selbstbestimmung versagt zu sein. Da nützt auch der hilflose Vorschlag der Frau nichts mehr, dass man doch in eine andere Richtung schauen könnte:

“SIE Wir können doch einfach mal woandershin gucken?…ER Woanders?…Wohin denn? SIE Zur Seite…oder nach hinten…” (ibid. 36)

“ER … ich sehe nur ganz allgemein in diese Richtung…” (ibid. 35)

“SIE … ich gucke absichtlich vorbei. (ibid. 36)

Aus dem Wunsch nach Selbstbestimmung will der Mann noch nicht ins Bett.

“ER Ich gehe nach den Spätnachrichten der Tagesschau ins Bett…SIE Aber der Fernseher ist doch kaputt!…ER (energisch) Ich lasse mir von einem kaputten Fernseher nicht vorschreiben, wann ich ins Bett zu gehen habe!” (ibid. 37)

Doch prekär ist, dass es für ihn keine Selbstbestimmung gibt, egal wie er sich auch entscheiden mag. Geht er früher ins Bett, so wohl gezwungenermassen weil er sonst nichts mit seiner Zeit anzufangen weiss. Geht er nicht ins Bett, dann auch nur aus einem inneren Zwang heraus, denn er will frei entscheiden können. Seine Entscheidung hängt dann aber doch mit dem kaputten Fernseher zusammen. Oder seine Entscheidung würde vom funktionstüchtigen Fernseher abhängen, wenn es ihn denn gäbe. Denn dann scheint klar zu sein, dass sein eigenes Lebensprogramm durch die Mattscheibe bestimmt wird.
Hilflos ist auch sie – selbst wenn sie fragt, ob man denn nicht auf eine andere Seite schauen könnte. Allein die Frage kommt dem Leser seltsam vor, noch seltsamer die Versuche der beiden, so zu tun als würden sie nicht dorthin oder nur zufällig dorthin schauen.

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