Angeregt durch die aktuelle Ausgabe von “wir eltern”, möchte ich doch ein paar Worte über das moderne Vatersein loswerden. Doch natürlich ist der Mann von heute weit mehr, als nur Erzeuger und Ernährer. Als Liebhaber hat er seine Frau sexuell zu beglücken und befriedigen, ansonsten wird ihn seine Frau damit strafen, dass sie ihre sexuelle Unzufriedenheit zu einem offenen Geheimnis in ihrer Umwelt macht. Als Geldverdiener hat er mehr als 100% zu leisten – ansonsten kann es sein, dass er zu leicht ersetzt wird. Als Vater muss er geduldig und witzig sein – ansonsten werden sich die Kinder woanders orientieren. Wer will schliesslich schon einen Schwächling zum Vorbild. Als Sohn hat er seine Eltern zu unterstützen, egal wie gross gerade seine eigene Belastung ist. Als Schwiegersohn muss er regelmässig antanzen und einen guten Eindruck machen. Als Götti muss er mehr bieten, als nur Geschenke an Weihnachten und Geburtstag. Er soll eine ordentliche Beziehung zum Göttikind aufbauen. Als Bruder darf er sich die Sorgen seiner Geschwister anhören und obwohl er gerne Lösungen suchen würde, darf er nicht oder hat auch keine Zeit anderer Leute Probleme zu lösen. Als Saufkompane muss er sich regelmässig im Kreis der Kollegen blicken lassen, da er sonst als Loser abgestempelt wird. Als Pantoffelheld, der sich von seiner Frau zu Hause anketten lässt.
Und als Mensch? Als Mensch versucht er, all diese Bedürfnisse zu befriedigen. Dabei scheint er sich selbst zu vergessen. Oder haben alle anderen vergessen, dass er auch mal an sich selbst denken sollte?
Ich bin froh, dass mein Liebster und ich egoistisch genug sind, uns im Alltag auch einmal zurückzuziehen. Oft werde ich von anderen Frauen (und auch Männern!) schief angeschaut, wenn ich am Wochenende alleine mit unserer Tochter unterwegs bin. Was? Er hat keine Zeit für euch? Dabei ist es doch eine Selbstverständlichkeit, dass er auch Zeit braucht, um abzuschalten. Von einem zufriedenen Mann habe ich doch wesentlich mehr als von jemandem, der ständig Rücksicht auf andere nimmt und irgendwann zu Grunde gehen wird! Und es ist auch nicht neu, dass Männer nach einem anstrengenden Arbeitstag zuerst den ganzen Stress von sich streifen müssen, ehe sie gelassen den Feierabend mit der Familie geniessen können.
Ein Paar aus unserem Bekanntenkreis ist das totale Gegenteil. Er stellt an sich selbst den Anspruch, dass er nach der Arbeit gleich 100-prozentig für seine Familie da sein muss. Alle anderen sind Egoisten, die zuerst noch die Zeitung lesen wollen. Auch er hat mich schon oft schief angeschaut, wenn ich meinem Liebsten den Rücken frei halte damit er etwas entspannen kann. Doch eine heile Welt scheint bei ihnen nicht zu herrschen – vor einiger Zeit hörten wir durchs offene Fenster einen Streit mit. Dabei ging es um den Wunsch des Mannes, auch mal nichts zu dürfen. Tja, wie war das nochmal mit den Egoisten?