Ich bin eine Glucke. Ich kann nichts dafür, denn meine Mutter war schon eine Glucke und ich das jüngste Küken. So möchte ich so lange wie möglich den Überblick haben, was meine Tochter wo wann mit wem so macht. Je nach Spielpartner ist die Kontrolle etwas stärker, bei anderen lasse ich sie frei walten, so lange ich weiss wo sie sich ungefähr befindet.
Ich sage bewusst, dass ich nur so lange wir möglich den Überblick haben will, denn mir ist klar, dass sie sich je länger je mehr dieser Kontrolle entziehen wird. Und ich muss loslassen und akzeptieren, dass ich nicht mehr über jeden Schritt Bescheid wissen werde. Ich denke, in jeder Mutter steckt eine Glucke.
Doch es gibt auch Extremfälle! So zum Beispiel eine Frau, mitte 30 die aber mindestens wie 45 aussieht. Sie hat eine Tochter im Alter von unserer. Von anderen habe ich erfahren (war noch nie bei ihr zu Hause und kann dies somit nicht bestätigen), dass die alt wirkende Frau eine Vorliebe für Gobelinstickerei und Selbstgestricktes hat. Okay, ich liebe Handarbeiten, stricke selbst hin und wieder, wobei ich nie so eine Ausdauer besitze. Doch macht die Stickerei das Bild dieser altmodischen Dame perfekt, das ich von ihr habe. Es passt alles so wunderbar klischeemässig zusammen.
Wunderbar passt da auch die Tatsache rein, dass sie ihre Tochter wirklich überbehütet. Es darf nie alleine draussen spielen, obwohl sie in ihrem Quartier einen wunderschönen Spielplatz ohne Verkehr haben. Vor einiger Zeit gab es einen Streit, weil die Nachbarin sie nicht wie vereinbart von Tür zu Tür gebracht hat, sondern dieses fünfjährige Mädchen eben die letzten 20 Meter alleine gehen liess. So etwas sei doch verantwortungslos. Das Mädchen sagte der Nachbarin am nächsten Tag, dass sie wirklich “einen Seich gemacht habe”. Die Mutter bekräftigte diese Aussage, ihr Mann und sie finden es absolut fahrlässig… wenn auf dieser Strecke etwas passiert wäre, kaum vorstellbar!
Wenn das arme Kind nun es Schnudernäsli hat, darf es natürlich nicht in den Kindergarten. Das wäre ja eine Zumutung! Das Mädel ist dann doch viel zu schwach, um die Herausforderungen des Kindergartens auf sich zu nehmen.
Das Mädchen ist übrigens gar nicht so, wie ich mir ein süsses, lebensfrohes Kind vorstelle. Es lächelt nie, zieht immer eine saure Miene und spricht stets altklug. Sie giftete auch schon andere Mädchen an, die eben nach dem Kindergarten nicht auf sie gewartet hatten und das arme Dinge ganz ganz alleine nach Hause gehen musste. Die Kinder, merken selbst, dass sie irgendwie anders ist. Mit ihr kann man nicht lachen, dafür hat sie jeden Tag eine perfekte Frisur, damit kein Strähnchen am falschen Ort ist. Die Lebensfreude scheint erloschen zu sein – vielleicht wird sie sich in einigen Jahren an Gobelinstrickereien und selbstgestrickten Pullovern erfreuen. Oder aber sie wird erst dann ausleben, was sie bis anhin verpasst hat – ob ihre Mutter sie dann noch kontrollieren kann, ist fraglich.
Am 5. Februar 2007 um 21:53 Uhr
[...] Heute musste ich der Glucke mit den Globelinbildern ihre bestellten Bastelsachen bringen. Ihre Einladung, noch kurz reinzukommen, habe ich ausgeschlagen. Nicht nur, weil wir tatsächlich noch weg mussten, sondern weil ich keine Lust hatte, sie länger als nötig zu sehen. In “Partystimmung” liess ich mir nochmal durch den Kopf gehen, wie sie bei der Bastelparty auf mich gewirkt hat. Ich nahm ihr ihren Mantel ab und sie sagte mir: “Ist schon okay, ich kann meinen Mantel an den Haken hängen. Ich brauche keinen Bügel”. Ähm, okay, da bin ich aber froh, denn so etwas haben wir auch nicht in der Garderobe. Im Ernst, wir haben unsere Kleiderhaken und hängen unsere Jacken und Mäntel so auf. Wer braucht denn schon Kleiderbügel für so was? [...]