Wie oft habe ich mich schon dabei ertappt, wie ich meine tagträumerische Tochter zur Schnelligkeit auffordere: „Beeil dich, wir müssen endlich los!“, „Jetzt hast du dich immer noch nicht angezogen?!“. Und wie ist ihre Reaktion darauf? Sie braucht noch länger. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, als ob sie eine Ewigkeit bräuchte für all die kleinen Dinge, die ich selbst routinemässig erledige. Vielleicht ist ihre Tagträumerei ein stiller Hinweis, dass eben nicht alles rasch gehen kann.
Ja, bei mir muss alles schnell gehen. Pünktlich wie die Uhr will ich mit dem Unterricht beginnen können, zwei Minuten vor Unterrichtsende kann ich nicht mehr ruhig sitzen, denn ich muss ja noch weiter. Ich fange an zusammenzupacken, manchmal sehr zum Missfallen des Lehrers. So weit ich mich erinnern kann, hatte ich schon immer etwas gegen das Zuspätkommen. Im Hinblick auf die schnell vergehende Zeit pressiere ich und hetze meine Tochter von der Toilette in die Garderobe, wo sie ihre Schuhe anziehen soll, von der Garderobe auf die Strasse, von der Strasse zum Bahnhof. Kaum angekommen, merke ich jeweils, dass wir ja noch ein paar Minuten zu früh sind. Geplagt von einem schlechten Gewissen (schliesslich habe ich sie zu Unrecht so sehr unter Druck gesetzt), versuche ich, diese Minuten der Ruhe zu geniessen. Doch mein ungeduldiger Blick auf die Bahnhofuhr ist ein Zeichen dafür, dass mir dieser Versuch nicht immer gelingt. Im Zug dann geniesse ich das entspannende Gespräch mit meiner Tochter. Doch schon eine Station vor unserem Reiseziel werde ich zappelig, fange an, die Taschen so zu ordnen, dass ich sie mir bei unserer Ankunft gleich schnappen kann. Meine Tochter fordere ich auf, ihre Siebensachen ebenfalls bereit zu halten. Sie tut wie ihr geheissen wurde, will auch gleich zur Türe stürmen; und schon wieder muss ich eingestehen, dass wir noch etwas Zeit haben.
Woher kommt denn diese Rastlosigkeit? Ich denke, wir wollen manchmal einfach zu viel unter einen Hut bringen. Aus Angst, wir könnten etwas verpassen oder auch weil wir zu faul sind, uns für etwas zu entscheiden.
Die Rastlosigkeit ist die Krankheit unserer Zeit. Uns geht es zu gut. So gut, dass wir die Langeweile kaum aushalten können. Frühere Generationen kennen kein „Burn-Out“, dieses Gefühl des Ausgebranntseins war ihnen fremd. Heutzutage hat wohl jeder schon einmal dieses Gefühl empfunden. Die Zeit sinnvoll nutzen wollen wir. Doch was heisst schon sinnvoll? Ist es sinnvoll, die eigene Zeit bis ins kleinste Detail zu verplanen? Ich bin ein spontaner Mensch, der nach dem Lustprinzip lebt. Und heute kann doch noch nicht wissen, ob ich in drei Monaten wirklich Lust habe, mich mit gewissen Menschen zu treffen.
Es ist nicht leicht zu verstehen, weshalb wir immer weniger Zeit zur Verfügung haben. Streng genommen ist es auch nicht so, dass es uns tatsächlich an Zeit mangelt. Alles ist schneller geworden, die Computer, die Fahrzeuge; und die öffentlichen Verkehrsmittel verkehren in immer kürzeren Abständen, so dass keine unnötigen Wartezeiten entstehen. Es sollte uns also besser gehen, denn dank der modernen Technik können wir viel Zeit sparen. Doch es geht uns nicht besser. Wir sind keine glücklicheren Menschen, bloss weil alles schneller geht. Denn was machen wir mit der so gewonnenen Zeit? Wir verplanen sie. Wir wollen also in derselben Zeit mehr erledigen. Aus dieser Sicht ist klar, dass der Körper diesen Balanceakt zwischen Beruf, Familie und anderen Verpflichtungen auf Dauer nicht mitmachen will: Es kommt zum Gefühl des Ausgelaugtseins. Dies wird verstärkt durch die Tatsache, dass alles, was heute als schnell gilt, schon morgen eine veraltete Technologie darstellen kann. Eine weitere Zeitersparnis führt dazu, dass wir nur noch mehr von uns selbst verlangen. Woran liegt das, dass wir von einer Aktivität zur nächsten hetzen? Haben wir es etwa verlernt, das Leben und insbesondere das süsse Nichtstun zu geniessen?
Manchmal gelingt es mir auch, das Zeitgefühl eines Kindes nachzuempfinden. Aufgrund der zahlreichen Reize, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind, sind wir mittlerweile Profis darin, nur noch das vermeintlich Wichtige zu sehen, alles andere wird rausgefiltert. Bei Spaziergängen mit meiner Tochter werde ich oft an meine eigene Kindheit erinnert, in der ich noch Freude verspürte für die kleinen Dinge des Lebens. Es ist ein Jammer, dass wir so rasch abgestumpft werden, dass unsere Begeisterungsfähigkeit schon in den frühen Jahren nachlässt. Nicht nur die Gefühle werden auf diese Weise abgestumpft, auch das Leben verliert an Farbigkeit. Routine macht alles schneller, doch jeder perfekt sitzende Handgriff bedeutet auch Interesselosigkeit.