Freiheit des Schweigens

Vor einiger Zeit habe ich das Gedicht “Ausbrechen” von Wolfgang Bächler gelesen, und auch heute noch beschäftige ich mich mit der Freiheit, auch schweigen zu dürfen:

“Ausbrechen

aus den Wortzäunen,

den Satzketten,

den Einklammerungen,

den Rahmen der Selbstbespiegelungen,

den Beistrichen, den Gedankenstrichen

- um die ausweichenden, aufweichenden

Gedankenlosigkeiten gesetzt -

Ausbrechen

in die Freiheit des Schweigens.”

(Bächler, 1976)

Ins Auge gestochen ist mir die letzte Zeile des Gedichtes. Ausbrechen in die Freiheit des Schweigens. Habe ich das richtig verstanden, ist nicht etwa die Rede vom Ausbrechen der lange verheimlichten Gedanken? Klingen die Worte Ausbrechen und Schweigen zunächst sehr widersprüchlich, bedeutet Schweigen bei genauerer Betrachtung auch Freiheit.
Denn wer sich in der Gesellschaft erlauben kann, zu schweigen, darf sich frei fühlen, denn dann muss man nicht zwanghaft versuchen, ein gescheit klingendes Gespräch auf die Reihe zu kriegen. Frei ist, wer mit einem Mitmenschen schweigen kann, ohne dass die Situation unangenehm wird.
Dass ein Gespräch zu einem Zwang werden kann, lese ich aus der Aussage, dass Gedankenstriche um “ausweichende, aufweichende Gedankenlosigkeiten” gesetzt sind. Da kommen mir Gespräche in den Sinn, die einseitig sind, bei denen die Fragen nur von einer Person gestellt werden und der Gesprächspartner monotone, einsilbige Antworten gibt. Die Antworten sind ausweichend, zerstören jede Kommunikationsbasis. Auch ich gebe oft ausweichende Antworten, aber nicht, weil ich mein Gegenüber unsympathisch und uninteressant finde, sondern weil ich nur dann rede, wenn mir danach ist, und nach dem zehnten Wettergespräch an einem Tag kann sich wohl jeder vorstellen, dass die Bereitschaft für ein weiteres Gespräch dieser Art gleich Null ist.
Mit gutem Gewissen schweigen ist etwas, das man sich meiner Meinung nach nur bei Menschen erlauben kann, die einem wirklich nahe stehen und die das Schweigen auch richtig deuten können. Sitzen mein Liebster und ich beispielsweise alleine im Auto, so reden wir nicht viel, wir kennen einander und wissen, dass das Schweigen eine besondere Form des gegenseitigen Vertrauens ist. Wir hängen unseren Gedanken nach und diese gedanklichen Freiräume brauchen wir nun mal.
Doch wie schnell wird so etwas bei anderen falsch verstanden? Sofort machen sich viele Gedanken darüber, weshalb geschwiegen wird. Es handelt sich also tatsächlich um ein Ausbrechen in die Freiheit des Schweigens. Die Gesellschaft ist in der Lage, mir diese Freiheit zu nehmen.
Im Gedicht ist von Wortzäunen, Punktsystemen, Satzketten und Einklammerungen die Rede. Ich betrachte diese Aufzählung nicht etwa als Kritik an die Grammatik, sondern als Symbol für die Zwänge, Regeln und Erwartungen der Mitmenschen in einem Gespräch. Sie erwarten, dass man sich nicht einfach von einem Gespräch losreissen kann, die Wortzäune stellen eine unsichtbare Barriere dar. Ein optimales Gespräch enthält Satzketten: auf eine Frage folgt eine Antwort, dann kommt die Gegenfrage und eine weitere Antwort. Dieses Spiel sollte weiter geführt werden, ohne dass die Gesprächspartner sich nach etwas Interessanterem umschauen oder verlegen die eigenen etwas verdreckten Schuhspitzen betrachten. Eine kurze Schweigeminute und die darauffolgende Frage nach dem Wetter sind definitiv ein Zeichen für einen fehlenden gemeinsamen Nenner in einem Gespräch
Doch warum verlegen sein, wenn sich zwei Menschen nichts zu sagen haben? Wie kommt es, dass etwas so Wunderbares wie Sprechen und Informationen erhalten und weitergeben zu einem Zwang wird? Vielleicht, weil Sprechen eine freiwillige Sache sein sollte und man nicht gerne als unhöflich gilt, wenn man bei einer freiwilligen Sache selbst entscheiden will, wann der richtige Zeitpunkt ist und ob das Bedürfnis dafür überhaupt vorhanden ist? Dass Reden, Zuhören, Fragen und Antworten eben nicht als freiwillige Angelegenheit betrachtet wird, zeigt die Erfahrung, dass von einem Ausbruch in die Freiheit des Schweigens die Rede ist, dass man sich diese Freiheit in einem inneren Kampf erringen muss.

2 Reaktionen zu “Freiheit des Schweigens”

  1. Frank Schrillmacher

    Nebst der sprachlichen darfst du ungeniert, ja gar leichtfüssig und drollig auch die lebenstechnische Grammatik brechen, meinetwegen verletzen oder gar missachten, oder sei es nur, sie für dich zweckmässig und persönlich abgestimmt zu verbiegen.

  2. dLay

    Lebenstechnische Grammatik? Klingt nach einer leeren sprachlichen Seifenblase die prächtig schimmert und bei näherem Betrachten mit einem “plop” sich zu nichts auflöst.

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