Interpretative Leserschaft

Die Erkenntnis, dass sich jeder Leser ein Bild vom Blogger macht, klärt für mich ein wenig die Frage, weshalb ein “nicht-interpretatives” Lesen gar nicht möglich ist. Im Prosemi zu Franz Kafka verging keine Sitzung, ohne dass spekulativ die Biografie des Autors mit den Texten selbst verglichen wurden. Sofort glaubte man, Parallelen herzustellen. Dabei bewegt man sich auf äusserst dünnem Eis, selbst wenn ein Autor wie Kafka sich bestens für solche Interpretationen eignet.

Unbewusst geht der Leser immer davon aus, dass der Verfasser mit dem Text etwas ausdrücken will, dass irgendwo ein Sinn steckt. Dabei hat Kafka in “Der Process” treffend geschrieben: “Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber”. Ist somit eine immergültige Interpretation gar nicht möglich?
Dass alles Geschriebene interpretiert wird, kann aber gar nicht verhindert werden. So wie man nicht nicht kommunizieren kann (Watzlawick), so kann man auch nicht nicht interpretieren. Das Hinterfragen erscheint mir menschlich, und mit jedem Handeln werden Signale ausgesandt, die vom Kommunikationspartner (in unserem Fall vom Leser) empfangen werden. Dass jeder Leser auch zwischen den Zeilen liest oder Dinge so versteht, wie er verstehen will, ist ebenso menschlich. Wen wunderts dann, dass nur schon aufgrund eines Textes Sympathie und Antipathie entstehen können…

Eine Reaktion zu “Interpretative Leserschaft”

  1. dissident

    Wenngleich Kafka bei uns nur zurückhaltend rezipiert wurde, schliesslich entführten uns die andren Autoren seiner Kohorte in wesentlich anmutigenderen Welten, sodass wir ihn schlichtweg vergassen, sollte Kafkas Lebensbeichte keinesfalls geschmälert oder gar abgewertet werden. Seine Erkenntnis dürfte man allerdings ungeniert zu einer gängigen Formel vereinfachen: «Man liest, was man lesen möchte.»

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